Wespen stechen auch im November

von Iwan Wyrypajew|Uraufführung (Auftragswerk)
Regie
20. 10. 2013
Schauspiel Leipzig
Auftragswerk

Das Stück setzt damit ein, dass Mark sich mit seiner Frau Jelena und seinem Freund Joseph darüber streitet, bei wem sein Bruder Markus letzten Montag zu Besuch war, als Mark mal wieder zu seiner Mutter fahren musste. Jelena und Joseph behaupten beide (offensichtlich geht der Streit auch schon eine Weile), dass Markus jeweils bei ihnen war und Mark dreht langsam durch – entweder lügt seine Frau, was er schrecklich fände, oder sein bester Freund, was auch nicht besser ist. Jelena geht in die Offensive und ruft Markus an. Mark erfährt von ihm, dass er tatsächlich bei Jelena war, und fragt danach Joseph, warum er denn lüge, was Joseph mit dem Satz beantwortet: „Die Sommerwespen stechen uns eben auch im November.“ Jelena und Mark erklären Joseph für verrückt, wollen ihm einen Psychiater aufschwatzen (Mark hat einen guten an der Hand), was Joseph auf die Palme bringt, denn er sei nicht verrückt, er habe nur alles satt – die Bäume, die Straße, die Hunde, das Frühstück, die Wörter, einfach alles, was ihn umgibt und auch alles, was in ihm ist, vor allem er selbst. Und am meisten macht ihn fertig, dass er vor sich selbst nicht fliehen kann, denn wo er auch hingeht, sein Ich geht ja mit. Und gleich darauf behauptet er wieder, Markus sei tatsächlich bei ihm gewesen, er ruft seine Frau Marta an, und diese bestätigt Mark gegenüber, dass sein Bruder sie letzten Montag besucht hat. Also kriselt es nun zwischen Jelena und Mark wieder, Joseph will ihnen helfen und erzählt ein Gleichnis von Hirschen, die einen Fluss überqueren wollen, weil es am anderen Ufer so viel saftiges Gras gibt, aber sie kommen einfach nicht durch die starke Strömung und müssen darbend auf das schauen, was sie sich eigentlich sehnlichst wünschen. Jelena hat eine Lösung dafür – wenn man den Fluss lang genug entlang läuft, findet man eine Brücke, von Gott gebaut. Es beginnt ein Streit über Gott und die Verantwortung eines jeden für die Welt und das eigene Leben, den Mark nicht aushält, er haut ab.  Als Jelena und Joseph allein sind, geht der Streit weiter, es hagelt gegenseitige Vorwürfe – Joseph hätte seine Frau gezwungen, ihr Kind abzutreiben und sich damit selbst zu Gott erklärt; Jelena gibt zu, dass sie einen anderen Mann liebt und Mark schon länger betrügt, will von Joseph wissen, warum er und Marta lügen, denn er wisse doch genau, dass Markus bei ihr war. Die Konfusion geht noch eine Weile weiter – Mark kommt zurück, er war bei seinem Bruder Markus, der hat noch einmal Jelenas Version bestätigt, worauf sich das Paar versöhnt in den Armen liegt, aber Joseph kippt neues Öl ins Feuer: er eröffnet Mark, dass seine Frau ihn betrügt, was Mark nicht glauben will, er hält Joseph einfach weiter für verrückt. Joseph kehrt wieder seine Depression nach außen – er lebe ohne Liebe, ohne Gott, ohne Hoffnung auf Rettung und Verständnis, sei einsam und allein, aber was Markus und seinen Besuch angehe, so bleibe er dabei – Markus war bei ihm. Es wird wieder angerufen, diesmal die Nachbarin von Joseph und seiner Frau Marta, die wiederum bestätigt, dass sie Markus sehr wohl gesehen und gesprochen habe an dem Abend. Jelena geht in die Offensive, gesteht, dass Markus ihr Liebhaber sei, sie aber keine Sünde darin sehe, denn es sei eine richtig große Liebe. Und wie reagieren die beiden Männer darauf? Joseph sagt, das beweise noch lange nicht, dass Markus tatsächlich bei ihr war, während Mark alle für verrückt erklärt und wieder abhaut.

Joseph und Jelena sind wieder allein, sie streiten weiter über Gott, an den Jelena zutiefst glaubt, der eher zynische Joseph aber keineswegs. Er gibt dafür den nächsten Anlass für seine depressive Stimmung preis – es regnet schon den dritten Tag und er hasst jeden einzelnen Tropfen und erwartet im Gegensatz zu Jelena keine Hilfe von Gott. Mark kommt zurück und erzählt, er habe Josephs Nachbarin aufgesucht, die gäbe es gar nicht, also stimme Jelenas Geschichte, und Mark ist niedergeschlagen. Er erzählt von einem Segelboot, das ihm sein Vater aus Baumrinde gebaut hat und das vor seinen Augen weggeschwommen ist – so entgleitet uns im Leben alles, was wir lieben, und wir stehen am Ufer und müssen zusehen. Damit hat auch Mark der Weltschmerz erfasst, und nur Jelena ist voller Gottvertrauen, Hoffnung und Liebe. Sie versteigt sich zu Sätzen wie: Die Frau muss sich dem Mann unterordnen, jemandem gehören, das ist seit jeher ihre Bestimmung. Nur muss sie jemanden finden, der das auch verdient, und das ist das Problem in der heutigen demokratischen Gesellschaft. Die Männer von damals waren zwar noch schlechter als die heutigen, aber damals haben die Frauen eben geliebt, wen Gott ihnen schickte. Heute haben sie die Qual der Wahl, sie wissen genau, was für einen Mann sie haben wollen und den finden sie nicht, was sie dann unglücklich macht. Und der Grund für alles: „Für uns gibt es niemanden außer uns selbst auf der Welt, wir leben nur für uns, und darum sind wir so allein.“ Die drei philosophieren noch weiter über Verantwortung für das Ganze, über den Glauben an Gott, bis sie sich schließlich die Frage stellen, ob es denn noch etwas Heiliges gibt heutzutage. Die Antwort: Ja, dass es endlich aufhört zu regnen. Alle drei sehen plötzlich darin, dass es bereits drei Tage regnet, den Grund für alles Unglück, und es kommt zur großen Verbrüderung. Alle spüren, wie etwas in ihnen in Bewegung gerät, flattert, summt, und sie beginnen sich gegenseitig zu kitzeln und sagen: Das sind die Sommerwespen, die uns auch im November stechen. Aber natürlich heilige Wespen. Und so wird aus einem Nonsenssatz, der die Dialoge die ganze Zeit über immer wieder ins Absurde gedreht hat, ein Spiel, ein Grund zur Heiterkeit, zur Leichtigkeit. Alle Probleme scheinen wie weggeblasen - bei wem Markus nun am Montag war, wer warum gelogen, wen mit wem betrogen hat, das alles ist egal, es interessiert keinen mehr, vielleicht hat es auch die ganze Zeit niemanden wirklich beschäftigt.

Wie immer bei Wyrypajew schwebt das Stück über den Dingen, auch wenn es mit sehr realen Vorgängen zu tun hat und daraus auch seine Spannung bezieht. Es gibt eine Handlung, es gibt Figuren mit realen biographischen Details, aber verhandelt werden letztlich große existenzielle Fragen – warum sind die Menschen unglücklich, was stimmt nicht an unserer Welt, warum gibt es kein Urvertrauen mehr, keine Liebe, so viel Einsamkeit, was macht uns so kaputt. Aus dieser Fallhöhe zwischen den hochtrabenden, teils philosophischen Gedanken der Figuren und ihrem Unvermögen, ganz banale Dinge miteinander zu klären, entsteht ganz viel Komik, verstörende, absurde Komik, die auch immer wieder ratlos macht.

Christina Links (henschel-Schauspiel)

Regie             Dieter Boyer
Ausstattung    Ralph Zeger
Musik             Bernhard Fleischmann
Dramaturgie   Esther Holland-Merten

Helen            Julia Berke
Mark             Michael Pempelfort
Josef            Sebastian Tessenow

© Dieter Wuschanski© Dieter Wuschanski© Dieter Wuschanski© Dieter Wuschanski
©2017 Dieter Boyer